Kies, Sand und Gesteinssplitte werden für Hoch- und Tiefbau, Infrastruktur und Industrie gebraucht. Ihr Abbau ist in Nordrhein-Westfalen zugleich ein großes Umweltproblem: Böden gehen verloren, Grundwasser wird freigelegt, Lebensräume verschwinden. Die gute Nachricht: Ein erheblicher Teil des Bedarfs lässt sich decken, ohne dafür neue Flächen aufzugraben. Was uns fehlt, ist nicht die Technik, sondern der politische Wille, Recycling zum Regelfall zu machen.

Kies und Sand sind wichtig für die Bauindustrie. Sie befinden sich in Wohnungen, Straßen und Brücken. Auch in der Glasherstellung und in Gießereien werden Quarzsande benötigt, eine spezielle Form des Sandes. Ein großer Teil des in Nordrhein-Westfalen abgebauten Sandes und Kieses wird nicht in NRW verwendet, sondern ins Ausland exportiert. Insbesondere die Niederlande sind ein großer Exportmarkt. Der Grund: Der dort abgebaute Sand ist teurer als der in NRW. Wir bauen unsere Rohstoffe also günstig ab und verkaufen sie ins Ausland, während wir unsere Landschaften zerstören.

Die oberirdische Gewinnung von Bodenschätzen zerstört Landschaft und landwirtschaftliche Nutzfläche, sie vernichtet die Lebensräume zahlreicher bedrohter Tier- und Pflanzenarten und legt Grundwasser frei. Anders als bei anderen Eingriffen ist das nicht rückholbar: Was einmal abgegraben ist, kommt nicht zurück. Auch eine Renaturierung stellt den ursprünglichen Zustand nicht wieder her.
Betroffen sind nicht nur Natur und Klima, sondern auch die Menschen vor Ort. Wo Abgrabungen geplant werden, entsteht über Jahre Unsicherheit: über die Zukunft von Höfen und Flächen, über Lärm und Verkehr, über das eigene Wohnumfeld. Für viele geht dabei ein Stück Heimat verloren.
Hinzu kommt: Alle Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsziele erfordern, dass wir schrittweise eine Kreislaufwirtschaft aufbauen, gerade im Bausektor. Die Klimakrise trifft dabei auch die Branche selbst, etwa wenn das Niedrigwasser im Rhein die Schifffahrt und damit die Transportwege einschränkt.
Mein Maßstab ist deshalb klar: Neue Rohstoffe sollen nur dort gewonnen werden, wo der Bedarf nicht auf anderem Wege gedeckt werden kann, zum Beispiel durch Recycling.

Über die tatsächlichen Abbaumengen wird viel behauptet und wenig belegt. Ein Blick in die Zahlen von IT.NRW lohnt sich deshalb.
Die Mengen sinken seit Jahren. 2015 lag die Absatzmenge noch bei rund 60 Millionen Tonnen, 2025 bei 50,6 Millionen Tonnen. Der Absatzwert ist im selben Zeitraum von rund 460 auf über 740 Millionen Euro gestiegen. Die Branche setzt also weniger Material ab und verdient damit deutlich mehr. Von einer wirtschaftlichen Notlage kann keine Rede sein.
Nicht alles davon ist Sand und Kies. In der öffentlichen Diskussion wird branchenseitig suggeriert, es handele sich bei den 50,6 Millionen Tonnen vollumfänglich um Sand und Kies. Das ist falsch. Tatsächlich entfallen nur 20,9 Millionen Tonnen auf Sand und Kies. Mit 20,3 Millionen Tonnen wird fast genauso viel an Gesteinssplitten gewonnen, dazu kommen Tone und Quarzsande. Gesteinssplitte stammen überwiegend aus langfristig gesicherten Steinbrüchen und unterliegen nicht der Problematik der Sand- und Kiesgewinnung.
Und ein Teil bleibt nicht einmal in NRW. Von den rund 21 Millionen Tonnen Sand und Kies gehen etwa 6 Millionen Tonnen in den Export, vor allem in die Niederlande. Für den Bedarf in Nordrhein-Westfalen verbleiben damit rund 15 Millionen Tonnen.
Diese 15 Millionen Tonnen sind die Zahl, um die es eigentlich geht. Und sie ist deutlich kleiner, als die Debatte vermuten lässt.

Wenn wir wissen wollen, wie viel Abbau wir wirklich brauchen, müssen wir zuerst schauen, was wir mit dem vorhandenen Material machen. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Der größte Teil unseres Bodenmaterials wird schlicht verfüllt.

Bei der Analyse von Stoffströmen wird zwischen verschiedenen Herkünften unterschieden. Die größten Materialgruppen sind Bodenmaterial, Bauschutt und Straßenaufbruch. Insbesondere beim Bodenmaterial besteht enormes Potenzial für mehr Recycling. Von rund 26 Millionen Tonnen Bodenmaterial in NRW gehen 17 Millionen Tonnen, also 65 Prozent, in die Verfüllung, meist von übertägigen Abgrabungen. Es werden also Löcher verfüllt, aus denen Kies und Sand abgegraben wurde. Weitere 5,1 Millionen Tonnen (19 Prozent) landen auf Deponien. Nur 4,1 Millionen Tonnen (16 Prozent) gehen überhaupt in das Bauschuttrecycling. Zur Einordnung: Allein die verfüllte Menge übersteigt die 15 Millionen Tonnen Sand und Kies, die in NRW jährlich verbraucht werden.
Und was recycelt wird, wird meist abgewertet.

Die Stoffstromanalyse zeigt, wohin das Material aus den Bauschuttrecyclinganlagen tatsächlich geht: rund 6,4 Millionen Tonnen in den Straßen- und Wegebau, 4,4 Millionen Tonnen in den sonstigen Erdbau einschließlich Verfüllung, 5,3 Millionen Tonnen auf die Deponie. Als Betonzuschlag, also dort, wo Recyclingmaterial primären Kies und Sand wirklich ersetzt, werden gerade einmal 24.483 Tonnen eingesetzt. Das ist ein verschwindend geringer Anteil.
Auffällig ist außerdem der enorme Anteil an Bodenmaterial, das für Verfüllungsmaßnahmen eingesetzt wird. Hier ist das größte und am schnellsten zu hebende Potenzial für mehr Recycling und damit einen Schutz unserer Umwelt und unserer Heimat.
Die Technik ist längst da.

Ich arbeite seit Jahren daran, die Rohstoffpolitik in Nordrhein-Westfalen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Einiges ist gelungen:
Degressionspfad im dritten Entwurf des Landesentwicklungsplans. Erstmals ist verankert, dass die Versorgungszeiträume für Abgrabungen schrittweise zurückgeführt werden. Das ist der Einstieg in einen sinkenden Flächenverbrauch.
Neue kommunalrechtliche Möglichkeiten zum 1. Januar 2026. Kommunen erhalten damit Instrumente, um beim Thema Abgrabungen und Rohstoffe eigenständiger zu handeln. Vor Ort entsteht Handlungsspielraum, der vorher nicht da war.
Vernetzung der entscheidenden Akteure. Über mehrere Kongresse und Fachveranstaltungen habe ich Kommunen, Recyclingwirtschaft, Bauwirtschaft, Verwaltung und Umweltverbände an einen Tisch gebracht. Vieles, was heute an Recyclinglösungen diskutiert wird, hat dort seinen Anfang genommen.
Rohstoffabgabe: ein Anlauf, der noch nicht geglückt ist. Ich habe mich intensiv für die Einführung einer Rohstoffabgabe eingesetzt. Sie ist in dieser Legislaturperiode nicht zustande gekommen. Ich halte sie weiter für den wirksamsten Hebel und werde sie erneut auf die Tagesordnung setzen.

Rohstoffabgabe und Deponieabgabe. Solange Neumaterial billiger ist als Recyclingmaterial, gewinnt die Grube. Beide Abgaben drehen dieses Verhältnis um und machen Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich attraktiv.
Förderoffensive für Recycling. Investitionen in innovative Anlagen und Verfahren, die Böden, Bauschutt und Altbeton zu hochwertigen Materialien aufbereiten. Nassrecycling gehört ausgebaut, nicht als Pilotprojekt, sondern in der Fläche.
Restriktivere und damit rechtssichere Planung. Klare Vorgaben im Landesentwicklungsplan für Abgrabungsflächen. Strenge Regeln schaffen nicht nur Umweltschutz, sondern auch Planungssicherheit für alle Beteiligten.
Alternative Baustoffe fördern. Holzbau, Recyclingbeton und regionale Materialkreisläufe stärken.
Naturnähere Renaturierung von Abgrabungen. Wo abgegraben wurde, sollen wertvolle Biotope entstehen und keine ausgeräumten Seenlandschaften.
Recycling zum Regelfall machen. Ausschreibungs- und Vergaberegeln so gestalten, dass Rezyklate im öffentlichen Bau Standard werden. Das Land ist der größte Bauherr und muss vorangehen.